Geld & Finanzen

Charttechnik

Jede einzelne Aktie oder Branche fundamental genau unter die Lupe nehmen? Für Technische Analysten gelten andere Regeln. Aus Charts leiten Sie künftige Entwicklungen ab. Wer glaubt, die Charttechnik sei eine Erfindung unserer Tage, irrt sich. Schon vor mehr als 120 Jahren legte Charles H. Dow, Begründer des Wall Street Journals, den Grundstein. Um die wirtschaftliche Lage der USA festzustellen, ermittelte er den Durchschnitt der Aktienschlußkurse von neun Eisenbahngesellschaften und zwei produzierenden Unternehmen. Anschließend stellte er die Kursschwankungen graphisch dar. Der auch nach ihm benannte Dow-Jones-Index war geboren.

Anleger vertrauen heutzutage mehr denn je der Technischen Analyse. Der Markt nimmt Konjunkturzyklen und Meldungen über Unternehmen meist vorweg, lautet ihr Credo. Die Verhaltensmuster der Teilnehmer ähneln sich und spiegeln sich in Charts wider. Daher lassen sich aus der Vergangenheit künftige Kursentwicklungen ableiten. Außerdem hat die Charttechnik einen entscheidenden Vorteil. Sie ist schnell.

Erfahrenen Chartisten genügt ein Blick auf den Kursverlauf, um Formationen zu erkennen und zu deuten. Es gibt mehrere Möglichkeiten, Kursverläufe in graphischer Form abzubilden. Die gängigsten sind Balken- oder Liniencharts. Bei der Darstellung in Balkenform bildet jeder Tag einen Strich, wobei der Tagestiefstkurs das untere Ende und der Höchstkurs das obere Ende markiert. Bei Liniencharts werden nur die Schlußkurse durch eine Gerade verbunden, so dass sich über einen längeren Zeitraum hinweg eine Kurve ergibt.

„The trend is your friend”, besagt eine alte Börsenweisheit. Gemeint ist damit, dass Anleger auf bestehende Trends setzen sollten. Wie aber kann man einen Chart interpretieren? Den Unterstützungsbereich erhält man, indem man auf gleichem Niveau liegende Tiefstpunkte markiert und mit einer Linie verbindet. Verbindet man auf gleichem Niveau liegende Höchstkurse, so erhält man die Widerstandslinie. Häufig verläuft ein Kurs längere Zeit innerhalb eines Trendkanals und wird an den beiden Linien immer wieder abgebremst. Erst wenn die untere Begrenzung des Kanals durchbrochen wird, ergibt sich ein Verkaufssignal. Im Laufe eines Aufwärtstrends werden ehemalige Widerstandslinien zu Unterstützungslinien. Umgekehrt bildet in einer Baisse die nach unten gebrochene Unterstützungslinie künftig die neue Widerstandslinie. An früheren Hochs und Tiefs oder psychologisch bedeutsamen Marken wie bei 10, 50 oder 100 Punkten liegen oft wichtige Widerstände oder Unterstützungen.

Eine hohe Aussagekraft wird auch den so genannten gleitenden Durchschnitten beigemessen. Hierfür wird täglich das arithmetische Mittel einer frei wählbaren Anzahl zurückliegender Börsentage errechnet. Die 200-Tage-Linie gilt hier als langfristiger Indikator. Ein nachhaltiges Unter- oder Überschreiten dieser Linie wird als Zeichen einer Trendumkehr gewertet.

Daneben gibt es bestimmte Formationen, die oftmals schwieriger zu erkennen und zu deuten sind. Am bekanntesten ist hier wohl die Doppel-Boden-Formation - auch W-Formation genannt; der Kursverlauf ähnelt dem Buchstaben W. Ein Kaufsignal ergibt sich jedoch erst, wenn der Kurs das Zwischenhoch überwindet. Beim umgekehrten Kursverlauf spricht man von einer M- oder Doppel-Top-Formation. Ein klares Verkaufssignal ergibt sich analog erst, wenn der Kurs das Zwischentief durchbricht. Die wohl bekannteste Umkehrformation ist die Kopf-Schulter-Formation. Die Tiefpunkte zwischen Kopf und Schultern werden durch die Nackenlinie verbunden. Erst wenn der Kurs im Anschluss die Nackenlinie nachhaltig durchbricht, entsteht ein Verkaufssignal. Laut Statistik fällt der Kurs dann in rund 70 Prozent der Fälle weiter. In umgekehrter Form ergibt sich hier die Chance, ein Schnäppchen zu landen.

Doch leider hat auch die Charttechnik ihre Grenzen. So genannte Bullen- und Bärenfallen, also Fehlsignale, machen den Technikern oft schwer zu schaffen. Dann helfen meist nur ein sofortiger Ausstieg oder automatische Stoppkurse zur Verlustbegrenzung. Für erfolgreiche Anleger kann die Technische Analyse deshalb nicht das Allheilmittel sein. Sie ist nur eines von mehreren Instrumenten, die zu einem erfolgreichen Investment verhelfen.

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